Sagen und Besen: Orakel der Raunächte
Wer es klug anfängt, kann in den zwölf Nächten die an sich überwundene Macht der Geister zu seinen Gunsten ausnützen. Er muß dabei allerdings sehr vorsichtig zu Werke gehen. Wenn ein Mädchen in der Weihnacht mit einem Besen aus dreierlei Reisig den Rauchfang kehrt und dazu die Allerheiligenlitanei betet, dann erscheint ihm, wenn sie den richtigen Namenspatron nennt, das Bild des Zukünftigen im Kamin. Eine Magd aus Lindenberg wollte einmal dergleichen tun, blieb aber schon gleich am Anfang in der Litanei stecken. Darauf fing es im Kamin an zu rumoren, zuletzt polterten Ziegelsteine herunter, und das Mädchen hatte Angst, es werde gleich das ganze Haus einfallen. In ihrer Angst rief sie um Hilfe. Aber alle Hausleute waren in der Mette. In der Nachbarschaft jedoch war ein junger Bursche ebenfalls beim "Gaumen" (Haushüten) daheim. Der hörte sie und eilte herbei. Und so hat sie den Zukünftigen doch noch gesehen. Im Jahr darauf haben die zwei nämlich geheiratet. Fast in jedem Ort des Allgäus konnte man in den Rauhnächten auf irgendeine Weise einen Blick in das Reich des Unerforschlichen tun. Guckte man in der heiligen Nacht um die Mitternachtsstunde durch ein dreieckiges Fenster, so sah man all die Personen, die im nächsten Jahr sterben mussten. Vergrub man um die Geburtsstunde des Herrn einen Spiegel und grub ihn in der ersten Stunde des Neujahrs wieder aus, dann sah man darin die. Gesichter seiner Feinde. Schaute man in der Dreikönigsnacht in den Kamin und hielt dabei dreierlei Holz, dann konnte man das größte Leid erahnen, das einen im nächsten Jahr traf. Anderwärts kniete man während der Christmette auf einem Schemel aus siebenerlei Holz und erkannte auf diese Weise alle Menschen, vor denen man sich hüten musste. Tut aber einer solches oder Ähnliches, so nimmt es entweder einen üblen Ausgang, oder aber der Neugierige kommt gerade noch davon. Auch das mitternächtige Belauschen von Ross und Rind, die in der Christnacht um Mitternacht sprechen können, bringt selten Glück. In Simmerberg wollte einmal ein Zugereister, der nicht an diese Sache glaubte, die Christnacht unter dem Barren im Rossstall verbringen. Da hörte er Schlag zwölf in der Nacht eine alte Stute zum Füllen spredien: "Pass auf, dass du ihn nicht schon jetzt schlägst; es trifft ihn erst auf Mangentag!" Am nächsten Magnustag wurde der Mann so sehr von einem Ross geschlagen, dass er daran starb.
Aus
zuletzt geändert: 12.09.2002 von Holger Reuchlin
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